Wissenschaftsvermittlung auf chinesisch
Ich war in den vergangenen 2 Wochen in China zu einer Konferenz über die Ordovizium und Silur-Epochen und einer Exkursion in den Südosten des Landes. Das war meine erste Reise nach China und ich bin überwältigt, wie anders dieses Land ist.
Überall ist der Aufbruch und die Vorbereitung auf den kommenden oder schon stattfindenden Boom sichtbar, riesige Baustellen überall, auch in der Provinz.
Auf unserer Exkursion im Westen der Zhejiang Provinz waren wir eine Gruppe von ca. 20 Geologen und Paläontologen aus aller Welt mit dem Ziel die lokalen Gesteinsformationen kennenzulernen. Exkursionen gehören bei geologischen Kongressen zum Programm. Aber diese war anders. An jedem Stop der Exkursion war ein Denkmal eigens für unser Kommen errichtet worden.

Wir standen im permanenten Blitzlichtgewitter der Presse,

sind oft über rote Teppiche gelaufen

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und waren bei einem Kommunistischen Meeting, dass auf einem öffentlichen Platz von Changshan mit 5000 Leuten abgehalten wurde Ehrengäste. Wir wurden von Funktionären hier und da begrüßt und Juan-Carlos Gutiérrez-Marco, einer der etwas prominenteren Paläontologen unserer Gruppe und einer unserer chinesischen Gastgeber, fanden sich kurzerhand auf der Bühne neben der Schönheitskönigin von Changshan County und dem lokalen KP-Chef wieder.

Das gilt es zu erklären.
Auf diesem Bild ist ein Billboard zu sehen, dass uns an einem der Exkursionsstops begrüsst.

Das Bild illustriert vielleicht am Besten die absurden Situationen denen wir dort so oft begegnet sind. Wo gibt es das schon, dass Paläontologen über rote Teppiche laufen, von der Presse belagert werden und Kindern Autogramme geben.
Der Stop ist das Global Stratotype Gesteinsprofil an dem die Untergrenze der Ordovizischen Darriwilium-Epoche definiert ist. Jede globale Zeitstufe wird an solch einem GSSP definiert um einen einheitlichen Bezugspunkt zu haben, wenn man über Zeitepochen spricht. An diesen Gesteinsprofilen wird dann am Vorkommen bestimmter Fossilien festgelegt wo eine Zeiteinheit beginnt. Es gibt eine ganze Menge von diesen GSSPs auf der ganzen Welt verteilt. Aber selten wird wohl so ein Brimborium darum gemacht wie hier am GSSP der Darriwilium Untergrenze in Huangnitang. Der Bezugspunkt ist der Goldene Nagel, also die Definition der Grenze. Die Chinesen haben in ihren Reden immer wieder das “Goldene” des Nagels betont.
Das Profil selbst ist für den Laien recht unspektakulär, dort gibt es weder besonders schöne, oder sehenswerte Gesteinsabfolgen zu sehen (eine Abfolge von dünngeschichteten Schiefern und Siltsteinen) noch besonders spektakuläre Fossilien (lediglich unscheinbare Graptoliten). Trotzdem wurde um das Profil herum ein kleiner Geopark eingerichtet mit Picknick-Ecken, Wanderwegen, Schautafeln und einem Haus für Veranstaltungen. Es wurde eigens ein kleiner Staudamm errichtet, um das Profil, das an einem Bachufer liegt, vor übermässiger Erosion zu schützen. Vor dem Profil wurde ein 200 m langer Laubengang gebaut. Es wird dort also lokaler Tourismus betrieben. Die Geologen vor Ort haben die Internationale Aufmerksamkeit auf diesen Punkt bis ins Extrem ausgenutzt, um von den KP-Funktionären Mittel für die paläontologische Öffentlichkeitsarbeit zu erhalten und den Park zu errichten. Die lokale Politik spielt offenbar mit, gibt richtig viel Geld, sonnt sich jetzt wenn internationaler Besuch kommt, und die Hofpresse berichtet artig.
Wir Paläontologen spielen wärend der ganzen Exkursion die Rolle des Vorzeigeobjekts: Schaut her, der internationale Besuch kommt. Wir sind Projektionsobjekte einer Hoffnung auf Aufbruch und Wohlstand. In China wird selbst unser unscheinbarer Graptolit zu Gold.

Zum Vergleich: Hier ist einmal ein Eindruck vom GSSP für die Basis des ordovizischen Sandbiums in Fågelsång, Schweden.





July 3rd, 2007 at 6:41 am
wunderbarer Bericht!
Ich kenne das aus Korea. Man ist als Europäer schon aufgrund seiner physischen Erscheinung etwas Außergewöhnliches für die Landeseinwohner. Außerdem Repräsentant einer Kultur, der man nacheifert. Und solchen Leuten gegenüber möchte dann jeder ganz besonders höflich sein.
Ich glaube, von einem Austausch zwischen Ostasien und dem Westen können beide Teile sehr viel profitieren. Dieser Aufbruch da in Asien ist faszinierend.