20t Posidonienschiefer in Berliner Haushalten verteilt
Aus Anlass der Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Museum für Naturkunde in Berlin gab es am Wochenenende eine Aktion, die ich so toll fand, dass ich hier darüber Berichten muss. Die Gemeinde Holzmaden hat dem Museum 20 Tonnen Posidonienschiefer gespendet. Ein Tieflader hat das Gestein unter einer der großen Buchen vor dem Museum abgeladen und der Regen am Donnerstag hat den ansehnlichen Haufen mit seinen wasserkisten-buchgroßen Blöcken saubergewaschen. Die Posidonienschiefer stecken voller Fossilien. Jeder Hammerschlag fördert ein Fossil zutage.

Wir haben Hämmer, Meißel, Handschuhe und Schutzbrillen besorgt und kleine Sitzkissen vor den Haufen gelegt. Auf einer Reihe Tischen waren Fotokopien von den wichtigsten Arten ausgelegt. Die Besucher konnten also, wenn sie aus dem Museum kamen, oder in der Schlange vorm Museum warteten einmal selbst Fossilien sammeln, die Stücke bestimmen und von uns bestimmen lassen und wenn sie Zeit und Muße hatten Fragen an uns stellen. Es wurde auch noch ein Handzettel verteilt, auf dem die paläogeographische Position des Posidonienschiefer, eine stratigraphische Tabelle und freie Felder zum Eintragen des Fundstückes aufgetragen waren.
Wir wurden überrannt. Der Haufen wurde von allen Seiten gestürmt. Die Leute haben zum Teil ihre eigenen Hämmer mitgebracht und in großen Mengen ihre Funde mitgenommen. Gefunden wurde einiges: Viele schöne vollständige Harpoceraten und Dactylioceraten, viele Belemniten, viele Anaptychen, einige Stücke mit der disartikulierten Schuppenhaut von Lepidoten, Holz mit Inoceramen und natürlich jede Menge Bivalven. Das beste Stück, dass ich zu Gesicht bekommen habe, war ein kompletter Harpocerat mit in situ erhaltenem Anaptychus in der Wohnkammer.
Viele Leute konnten das gar nicht fassen und waren überglücklich, selbst wenn sie nur eine kleine Inocerame gefunden hatten. Und Erwachsene fragten uns, ob wir die Fossilien extra rausgesucht hätten damit sie hier gefunden werden. Manche Kinder fragten uns, ob wir die Fossilien da “reingemacht” haben. Es gab natürlich viele Fragen zu beantworten und ich glaube die Eine oder der Andere werden sich im Museumsshop ein Fossiliensammelbuch besorgt haben.
Es gab Leute, die kamen alle drei Tage und haben über Stunden geklopft. Das Publikum bestand aus Jung und Alt, Mann und Frau, Frauen mit Kopftüchern und auch ein Nazi hat nach deutschen Fossilien gesucht. Oft haben sich die Leute einen großen Block geschnappt, haben sich damit auf die Wiese gesetzt und den dann in geduldiger Kleinarbeit in kleine Teile zerbröselt. Manchmal saßen ganze Familien um einen Block, manchmal gelangweilte Kinder und enthusiastische Väter, manchmal haben Mütter ehrgeizig geklopft und ihre Kinder daneben haben einfach mit einem Gummihammer die Reste bearbeitet.

Am Sonntagabend war der Haufen platt. Kein einziger großer Block war mehr übrig, wirklich jeder Stein war in ca. handtellergroße Schnipsel zerbröselt worden und ca. zwei Drittel der Gesteinsmasse war abgetragen und ist nun in Berliner Haushalten verteilt. Das ist doch was. Oder?





July 17th, 2007 at 2:59 pm
Lieber Björn,
na ich hab ja schön gelacht. Weil Du das so schön beschreibst, nicht weil das lächerlich wäre oder so. Eine tolle Vorstellung, dass die Kinder noch lange daran denken, selber auf die Suche gehen, sich für Fossilien im Speziellen und Tiere im Allgemeinen begeistern etc.
Es hört sich ja an, als wären neue Zeiten angebrochen in der musealen Wissensvermittlung. Woher der neue Wind?
herzlichst, Jan
July 30th, 2007 at 10:16 am
eine gute Idee, lustig allemal.