Das fünfte Mal
Nein, meckern möchte ich nicht. Es gibt auch niemanden, an den ich ein Meckern richten könnte. Aber schimpfen, das darf ich schon. So ein Mist! Seit Anfang des Monats muss ich mal wieder Gebrauch von meiner Kundennummer beim Arbeitsamt machen. Seit 1996, seitdem ich mit meinem Studium fertig bin, ist das jetzt schon das 5. Mal. Im Schnitt mehr als alle 2 Jahre. So ist das, wenn man von Drittmitteln lebt. Oh ja, das sieht gut aus auf meinen Bewerbungen, da hab ich inzwischen schon eine sechsstellige Summe an Drittmitteln eingeworben. Und von der Welt hab ich auch schon ein wenig gesehen. Aber Perspektive, Perspektive gibt es keine. Klar, mal wieder für einen Appel und ein Ei nach Frankreich, ab dem Winter. Diesmal wieder ohne soziale Abfederung, aber Fellowship an einem bekannten Institut hört sich doch gut an. Das heisst kurzfristig denken, paper im Vierteljahrestakt schreiben und die venia legendi nach hinten verschieben. Hab ja noch ein paar Jährchen bis zur magischen Vierzig. Ok.
Letzte Woche erfahre ich über Wisskomm von dieser Hamburger Geschichte: Da wird eine post-doc Dozentin faktisch gefeuert, weil sie sich über die Zwickmühle beschwert in der sie steckt: Arbeiten für null Euro, damit sie dran bleibt, um irgendwann mal eine Festanstellung zu bekommen. Ihre Null-Euro-Arbeit, aber wird für selbstverständlich gehalten und der Mittelbau, in den viele von uns mal irgendwann gerutscht wären verdunstet schneller als die Teiche in der Sahel Zone. Wusste noch gar nicht, dass manche Institute Dozenten als Ein-Euro Jobber einstellen. Das passt in mein Bild von der Kultur, die ich von den deutschen Unis kenne. Es gibt keine Struktur mehr an den deutschen Unis, die für ihre jungen Wissenschaftler und Dozenten irgendeine Art von Verantwortung übernimmt. Vielleicht gibt es den ein oder anderen Professor der sich für seine Leute einsetzt. Aber es gibt eben gute und schlechte Despoten. In meinem Fach, wenn ich auf Kongressen mit jungen Kollegen spreche, meckern wir gerne, wenn wir sehen, wie wohlumsorgt da die US graduate students oder jungen post-docs auftreten. Wir Deutschen sind Einzelkämpfer. Haben unsere fellowships hart erkämpft. Ein Institut, dass uns unterstützt, so etwas kennen die Wenigsten von uns aus Deutschland. Es liegt an uns, auf dem Wissenschaftsmarkt zu bestehen und die Regeln zu erkennen, an der richtigen Stelle wissenschaftliche Arbeit zu investieren und das Handwerk zu erlernen. Viele meiner bekannten post-doc Paläontologen leben von dem Segen der “Eigenen Stelle” der DFG. Das ist auch etwas Tolles, da kann man drei Jahre forschen. Aber danach? Ach es gibt ja auch noch die Emmy Noether Fellowship, und das Habilitationsstipendium der DFG. Seit kurzem gibt es auch noch die starting grants des ERC Ideas Programm und eine ganze Vielfalt an Marie Cury Fellowships unter dem Dach des FP7. All diese Mittel geben jungen Akademikern die Freiheit für ein paar Jahre zu Forschen. Das ist gut. Was fehlt, ist das Danach. Ich habe das Gefühl diese ganzen Grants sind Mittel zu Ausbeutung junger akademischer Arbeitskraft. Wenn du über 40 bist und es noch nicht zum Professor geschafft hast, dann suchst du dir besser einen Job als Taxifahrer, weil: die Quellen für diese Mittel versiegen dann ganz schnell und Stellen im Mittelbau …naja. In anderen europäischen Ländern sieht das vielleicht etwas anders aus. In Frankreich z.B. gibt es beim CNRS immer noch einen recht breiten Mittelbau. Aber die deutschen Unis leben vom Karrierekampf der jungen Akademiker, und davon, dass es ein paar Prozent bis in die > C3-Sphären schaffen. Klar, diese ERC und DFG geförderten Stellen ersetzen den Mittelbau, weil sie eine Masse von hochmotivierten kämpferischen jungen post-docs in die Welt setzen die dessen Arbeit verrichten.
Es gibt keine Struktur, die ein Gemeinschaftsgefühl, eine Atmosphäre der Kooperation unter den Akademikern an den Hochschulen schaffen würde. Die produktivsten Wissenschaftler der Institute sind oft die Leute, die ein paar Jahre an einem Institut bleiben und dann weiterziehen, die Nomaden. Es wäre übrigens interessant, mehr darüber zu erfahren, wie diese Art Wissenschaft zu betreiben die Inhalte der Wissensproduktion prägt und steuert.
Natürlich ist das, was an den Unis passiert Neoliberalismus in Reinkultur. Aber, ich wollte ja nicht meckern. Die Situation zu ändern, müsste bedeuten die Möglichkeit einer “nachhaltigen” akademische Karriere zu schaffen. So etwas geht wohl nur, indem an den Instituten Strukturen geschaffen werden, welche Verantwortung der dort Arbeitenden ermöglicht. Wenn der Professor sein Ding macht und alle anderen am Institut ständig wechseln dann ist er vergleichbar mit dem Manager der Leiharbeiter am ökonomischsten einsetzt.
Trotzdem möchte ich gerne weiter Wissenschaft machen. Ich vergleiche mich manchmal mit den Künstlern, die auch das machen, was sie gerne machen, aber dafür ab und zu mal am Ende des Monats ziemlich leer in der Tasche sind wenn sie nicht zu dem Top 10% gehören. Aber kann es das sein?






May 17th, 2007 at 10:10 pm
[…] 1996 bereits eine sechsstellige Summe an Drittmitteln eingeworben, musste sich nun aber bereits zum fünften Mal vorübergehend arbeitslos melden und nach einer neuen Stelle umsehen. Diesmal verschlägt […]
May 18th, 2007 at 5:28 pm
Sehr informativ.
Wenn ich was Optimistisches zum Thema zu sagen wüßte, würde ich es jetzt tun. - War die akademische Kultur früher eine andere? Mußte man sich da auch SO sehr als Einzelkämpfer durchschlagen?
May 18th, 2007 at 6:51 pm
Ich kann zumindest sagen, dass vor 20 Jahren noch nicht annähernd so viel Schrott publiziert wurde wie heutzutage (nicht nur in D ein Problem). Als ich Synthesevorschriften für meine Dipl gesucht hab, bin ich irgendwann dazu übergegangen, alles nach 1990 zu ignorieren, weil das teilweise einfach nicht mehr zu reproduzieren war. Die kloppen alle nur noch auf Teufel komm raus irgendwelche halbgaren Sachen zusammen. Publish or perish halt.
Ich denke dass ist ein ähnlicher Einzelkämpfer-Effekt, die Institute halten ihren Leuten nicht den Rücken frei, sondern setzen sie unter Druck. Das war mal anders.
June 5th, 2007 at 8:23 pm
Ich kenne deine Situation nicht im Detail. Aber eines ist klar: Junge Wissenschaftler aus Deutschland sollten sich bemühen, irgendwo im Ausland eine Stelle zu bekommen. Also viel schlimmer als in Deutschland kann es eigentlich woanders auch nicht mehr sein. Also: Sich unbedingt im Ausland umschauen, wer kann, der haut ab.
Also ich meine das nur mal so als generellen Trend, im einzelnen Fall kann natürlich auch in Deutschland geblieben werden, hängt immer davon ab.