Damit fang ich mein Biodiversitätstagebuch an: Biodiversiät durch die tiefe Zeit. Da geht es schon mit den Problemen los. Ist das Leben mit der Zeit komplexer geworden? S.J. Gould meinte, das wäre nicht so [1] und hat den Begriff Disparität in Mode gebracht. Disparität meint soviel wie die Formenvielfalt die nicht unbedingt mit der Artenvielfalt übereinstimmen muss. Gould’s Idee war, dass die Formenvielfalt der Tiere vor 600 Mio Jahren nicht wesentlich geringer war als heute. Schon in den 1990igern konnte aber ganz gut gezeigt werden, dass die Formenvielfalt der Tiere sehr wohl mit den Jährchen gewachsen ist [2]

Die Vielfalt ist aber nicht stetig gewachsen sondern schubweise. Einigermassen bekannt sein sollten ja die Sepkoski Kurven, die die Zahl der marinen Genera und Familien über die Zeit zeigen:

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Was diese Kurven bedeuten und wie korrekt sie die tatsächliche Biodiversitätsentwicklung darstellen ist noch recht unklar. In den letzten Jahren erklärt man die Plateaus, die zwischen den großen Aussterbeereignissen liegen, als Ausdruck eines stationären Zustandes in einem komplexen System fern vom Gleichgewicht [3] und die Aussterbeereignisse als mehr oder weniger kontingente Ereignisse die das System kurzzeitig durcheinander bringen. Im letzten Jahr konnten nun die ersten Paläontologen zeigen, dass nach großen Aussterbeereignissen die Komplexität der Lebensgemeinschaften jeweils drastisch angestiegen ist. [4]
Im Januar kam eine Arbeit von Bambach et al. [5] heraus, die zeigte, dass im Lauf der Jahrmilliönchen das Leben immer mehr Ecken der der Erde nutzte und dass auf immer komplexere Weise.

Der Anstieg der taxonomischen Diversität, also der Zahl der Arten/Genera/Familien etc. wird immer noch kontrovers diskutiert. Die Einen gehen davon aus, dass die Zahl der Arten seit dem Ordovizium nur noch unwesentlich angestiegen ist [6], die Anderen vermuten einen exponentiellen Anstieg seit dem Unterkambrium [7]. Das letzte Wort ist in dieser Diskussion noch nicht gesprochen, aber es verdichten sich die Hinweise darauf, das das Plateau-Bild realistischer ist. Das würde bedeuten, es gibt auf der Erde so etwas wie eine zeitenspezifische maximal tragbare Artenzahl, die vom Gesamtökosystem Erde der jeweiligen Zeit abhängig ist. Während der grossen Massenaussterben wäre jeweils einmal kräftig alles durcheinander gebracht, jedoch bisher immer mit dem Ergebniss, dass im nachhinein immer mehr Arten auf der Erde Platz hatten, weil sie sich den Platz ökonomischer teilten und auch zusätzlichen Platz geschaffen haben. Eine tolle Geschichte oder?

Die Frage ist nur, was passiert jetzt gerade? Wir haben das dumme Gefühl derzeit findet ein Massenaussterben statt und wir sind die wichtigsten Protagonisten in dem Spielchen. Wir wissen allerdings noch nicht wie gross dieses Massenaussterben überhaupt ist. Wir verstehen auch nicht was sich verändert und wie die Welt nach dem vorherzusehenden big bang aussieht. Sind wir dann noch dabei, in einer vielleicht noch komplexeren, noch schöneren Welt. Wär doch eigentlich gut.

Vor kurzem hab ich gerade gelesen, dass wir Menschen derzeit beinah die Hälfte der Primärproduktion der Energie des Lebens verschlingen, also der derzeitig auf der Erde verfügbaren von Lebewesen hergestellten Energie.[8, 9] Da wird es natürlich eng für unsere Mitbewohner.

Ok. Soviel für heute. Jetzt schmeiß ich erstmal den Grill an, klar: mit Tofuwürstchen.
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[1] Gould, S.J. 1989. Wonderful life.
[2] siehe zB. die Arbeiten von Mike Foote
[3] Solé und Goodwin, 2000. Signs of life.