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Biodiversitätstagebuch II:
Vielzahl wird gezählt. Klar. Aber was zählen wir denn da? Mit der Vielfalt des Lebens ist es wie mit der Küste Englands: Je genauer wir hinschauen je komplizierter wird es. Von weit oben sieht alles ganz klar aus und wir meinen wir können alles deutlich messen. Je näher wir heranrücken, je zerfurchter und unübersichtlicher wird das Terrain. Arten zerfallen in Unterarten und Artenschwärme und einzelne Populationen.

Es gibt mittlerweile dutzende Vorstellungen darüber, was eine Art sein kann. Die bekannteste ist vielleicht Mayr’s Art als Fortpflanzungseinheit. Tiere einer Art haben Sex miteinander. Wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, nur noch mit einer bestimmten Gruppe der ursprünglichen Art Sex praktizieren, dann sind es mehrere Arten. Man kann sich Vorstellen, dass selbst dieses Konzept beweglich ist: Mal tun sie es untereinander, dann mal wieder nicht, irgendwann geht es vielleicht gar nicht mehr. Aber wo die Grenze setzen, an dem der Zähler einen nach oben gesetzt wird?

Da die Regeln, wie eine gültige Art aufgestellt werden darf, eine recht komplizierte und aufwändige Prozedur verlangen, ist Zählen auch immer teuer.

Zählen ist also politisch und ökonomisch.

Es gibt da verschiedene Märkte, Bühnen und Runde Tische an denen gezählt wird. Hier sind mal so ein paar:

Die der Wissenschaft: Jede Art ist ein in Form gegossenes Argument in der wissenschaftlichen Diskussion. Der/die Wissenschaftler/in gibt mit den neuen Arten der morphologischen, genetischen etc. Vielfalt der von ihm untersuchten Organismen einen Namen um diese vergleichen, beobachten, wiedererkennen, messen etc. zu können. [Das ist natürlich der primäre wissenschaftliche Zweck und der Hauptgrund des benennens]

Die der Unsterblichkeit: Artnamen sind Möglicherweise langlebiger als die Arten selbst. An jedem Artnamen hängt ganz hinten immer der Autor an. Man kann mit dem Namen auch Freunden ein Denkmal setzen. Manchmal kann man mit Namen sogar Geld verdienen.

Die des Guten Vorsatzes: Man kann mit einem Namen einer bestimmte Organismengruppe oder einer bestimmten Region Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Das kann gut oder auch schlecht sein.

Die des Umweltschutzes: Man kann von einem seltenem Organismus erst dann reden, wenn er einen Namen hat. Dann kann er ein Biotop aufwerten und vor dem Zerstören bewahren.

Die des Mammons: Vielfalt heißt Genreichtum heißt Rohstoffreichtum. Die Pharmakonzerne wissen das. Artenzählen ist also auch immer Prospektierung. Hier kommt es darauf an wer zuerst zählt.

Ene, mene, miste,. Ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste. Ene, mene, meck, und du bist weg.