Biodiversitätstagebuch IV: Die globale Erosion der Biodiversität ist kein Problem der Überbevölkerung sondern ein Problem einer dysfunktionalen globalen Ökonomie.

Das mag auf den ersten Blick paradox erscheinen: Biodiversität ist, wenn man es im regionalen Maßstab betrachtet (also oberhalb des lokalen Maßstabs), positiv korreliert mit der Einwohnerzahl. Dort, wo viele Menschen leben gibt es eine höhere Biodiversität als dort wo wenige Menschen leben. [1].

Das heisst zweierlei: Die Menschen siedeln sich gerne dort an, wo es eine hohe Biodiversität gibt und dort wo viele Menschen leben tragen sie auch zu einer Erhöhung der Habitat-Heterogenität bei. Das beste Beispiel sind vielleicht die hoch biodiversen Vorstadtsiedlungen in Europa.

Es gibt eine ganz andere deutliche Korrelation, die sehr viel zur globalen Vernichtung der Biodiversität aussagt. Die Orte auf der Welt in denen Biodiversität am stärksten bedroht ist, sind die Regionen mit der stärksten Armut.

armut.png

Zudem sind viele der Biodiversitäts Hotspots der Welt Gebiete in denen Armut herrscht. Daher sind viele Gebiete mit sehr hoher Biodiversität extrem bedroht.

In einer Studie, die sich detailliert mit der Waldentwicklung in einer der Regionen mit der höchsten Biodiversität auseinandersetzt, mit Madagaskar, wurde kürzlich gezeigt, dass die Wälder gerade in Regionen am stärksten zerstört werden, die am weitesten weg sind von großen Straßen und dicht besiedelten Orten, dort wo am meisten Armut herrscht, dort wo die Besitzverhältnisse des Waldes ungeklärt sind, und dort wo es keine sozialen Korrektive am Raubbau der Natur gibt weil die Menschen die dort Leben Migranten sind, die die ursprünglichen Einwohner, welche vor Jahren abgewandert sind ersetzt haben, heute ums nackte Überleben kämpfen. [2]

Flucht, Migration, politische Instabilität, Armut und ungeklärte Besitzverhältnisse sind die Ursachen des Raubbaus am Wald, nicht nur in Madagaskar, sondern in den Gegenden der Welt mit der gegenwärtig größten Tropenwaldvernichtung, Brasilien und das tropische Bangladesch. Hinzu kommt, dass zumindest in Brasilien, die gerodeten Flächen direkt dem Fleisch-, und Futtermittelbedarf des Weltmarktes zugeführt werden.

Die Zerstörung der globalen Biodiversität ist also (jedenfalls im Hinblick auf die Erosion der wilden Flächen) ein Problem der globalen sozialen Ungerechtigkeit und nicht der Überbevölkerung. Ich fände es einmal interessant genauer hinzuschauen wie die Akteure, welche für diese Ungerechtigkeit massgeblich verantwortlich sind, also die großen Lebensmittelkonzerne und Supermarktketten, die Pharmaindustrie und die großen Bergbau und Ölkonzerne über ihre Lobbyarbeit, Stiftungen etc. die Prozesse im Rahmen der Konvention für Biodiversität beeinflussen und für ihre Interessen kanalisieren.

Wenn auf das Plündern geschaut wird dann muss wohl in erster Linie nicht auf die kleinen Leute vor Ort, sondern auf die großen dunklen Akteure im Hintergrund geschaut werden.

Zum Thema des DARK EMPIRE gibt es gerade einen sehr lesenswerten Beitrag, die verschriftlichte Rede des Münsteraner Soziologen HJ Krysmanski, gehalten auf dem Alternativgipfel zum G8 in Rostock vor ein paar Tagen.