Imperialer Impakt
Vor ein paar Tagen kam eine mail über den Paleonet listserver bei mir reingeflattert, die mich an ein Problem erinnert, dass mich seit geraumer Zeit immer mal wieder beschäftigt. In der mail beklagt sich der französischer Kollege Bruno R.C. Granier über das Sterben der vielen kleinen Institutions- und Universitätszeitschriften in Frankreich. Er drückt das so aus:
“The IF (at least that is the case in France) killed the intitutions’,
laboratories’ or departments’ publications; it killed all these scientific
journals that used to publish data … It is one of the many consequences of
(mis-)using this bibliometric tool to evaluate the scientific information
published in a journal, rather than to evaluate the journal itself (the
published information can be of a high standard even in regional journals;
reciproquely international journals may host low- to average-quality
papers).”
Meine persönliche Erfahrung in den letzten Jahren sieht so aus: Ich kann es mir nicht mehr leisten in Journalen mit geringem Impakt zu veröffentlichen. Veröffentlichungen, auch wenn teilweise sinnvoll, in nicht peer gereviewten und ISI gelisteten Journalen kommt für mich nicht in Frage, weil mein wissenschaftliches Überleben davon abhängt, dass ich zitiert werde und in Journalen mit möglichst hohem ISI Faktor veröffentliche.
Ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Die Folge davon ist, dass die überregional bekannten Paläo-Journale überannt werden. Beim Journal of Paleontology, bei Palaeontology und Acta Paleontologica Polonica, also Journalen die klassischerweise Daten veröffentlichen, liegen die Wartezeiten von der Akzeptanz eines papers bis zum Druck mittlerweile bei anderthalb bis zwei Jahren! Vor ein paar Jahren habe ich bei der Acta Paleontologica Polonica noch etwa ein halbes Jahr gewartet, heute dauert es zur Zeit etwa ein Jahr. Diese Journale der nationalen Gesellschaften bildeten früher die Schnittstelle zwischen den Universitäts- und Instititutszeitschriften (die meistens kein peer review haben) und den Zeitschriften an der Spitze, die nur die Arbeit von breitem Interesse mit hoher Breitenwirkung (hohem Zitationspotential) veröffentlichen.
Der Druck ist unheimlich gewachsen Arbeiten zu schreiben, die viel zitiert werden.
Klar möchte ich auch gerne berühmt werden und immer viel zitiert werden. Aber schaue ich mir meine eigenen Arbeiten an, dann muss ich leider feststellen, dass ich viel zu wenig zitiert werde. Man könnte jetzt sagen: Das liegt eben daran, dass meine Forschung keine Relevanz hat. Meine Standardantwort darauf ist: Ich habe ein langfristiges persönliches Forschungsziel welches es nötig macht, dass ich erst einmal viele Daten sammele, die es bisher noch nicht gibt. Das braucht Zeit und ich muss diese Daten in Zeitschriften veröffentlichen die Platz haben und geringe Zitationsraten akzeptieren (klassischerweise sind das in meinem Fach zum Beispiel die Monographiereihen wie zB. Special Papers in Palaeontology oder die gerade eingestellten Fossils and Strata). In meinem Fall kommt dazu, dass ich Spezialist für eine Tiergruppe bin, für die es auf der Welt vielleicht gerade mal ein halbes Dutzend aktive Forscher gibt. Wenn alle diese Spezialisten eine meiner Arbeiten also innerhalb der ersten zwei Jahre nach erscheinen zitieren würden hätte ich gerade Mal sechs Zitationen. Toll, wa? Um eine Arbeit zu schreiben, die in die Top Journale kommt, muss ich erst einmal auf die Synthese hinarbeiten, oder das macht später mit meinen Arbeiten jemand anderes. Der Zitiert mich dann einmal und heimst 25 Zitationen ein, wenn er Glück hat.
Manche würden jetzt natürlich sagen, na dann mach doch das Letztere und schreib Artikel die zitiert werden. Konzentriere dich auf Themen die schnell Zitationen bringen…
Woran erinnert uns das? Richtig, an Marktwirtschaft. Das Gebot der Zeit ist es schnelles Geld zu machen, auf heisse Aktien aufzuspringen und auf der Welle zu reiten solange es bergauf geht.
Und da bin ich beim Thema: Der Wissenschaftsbetrieb wird zunehmend durch marktwirtschaftliche Mechanismen gesteuert. Für mich wäre einmal spannend, zu sehen wie diese neuen Steuerungsmechanismen die Inhalte der wissenschaftlichen Forschung beeinflussen. Ich kann mir vorstellen, dass es da derzeit extreme Verschiebungen und Konzentrationsanhäufungen gibt. Hier nur ein paar wenige Gedankensplitter:
Falls jemand interessante neuere Literatur zum Thema kennt, bin ich über jeden Hinweis dankbar.
Und falls jemand zufälligerweise am 21–22. Juni in Nancy ist. Da gibt es eine ICSTI Tagung zum Thema “Assessing the quality and impact of research: practices and initiatives in scholarly information”. Vielleicht findet sich ja etwas im Netz darüber, wenn die Tagung vorbei ist.





June 25th, 2007 at 6:22 pm
[…] und in Journalen mit möglichst hohem ISI Faktor veröffentliche. [Quelle: tiefes leben, imperialer impakt, […]
June 25th, 2007 at 9:58 pm
Hallo, ich bin gerade durch ein Link in der Wissenswerkstatt auf Dein Blog diesen sehr treffenden Beitrag aufmerksam geworden.
Ein kleiner Hinweis: Vielleicht ist es für Dich von Interesse, Dein Blog im “Academic Blogs Wiki” einzutragen? http://wiki.henryfarrell.net/wiki/index.php/Main_Page