Wissenschaftskommunikation an Post-Akademischen Universitäten
Gestern stieß ich durch Zufall auf diese Publikation der Europäischen Kommission, ‘communicating science – a scientist survival kit” und habe heute die einleitenden Artikel gelesen, in denen kurz eine Sichtweise auf die Politik der Wissenschaftskommunikation skizziert wird. Die Lektüre dieser Texte rief meine Erinnerung an Dirk Baeckers Lettre-Artikel “Kleine Universitäten” wach, den ich kürzlich gelesen hatte (hier gibt es den Text frei). Ich muß gestehen, ein Verständnis des Exzellenzfiebers, des Bologna-Prozess und des Umbaus der Universitätslandschaften wie ich es bei Baecker fand war mit bis dato völlig neu und ich war beim ersten Lesen des Textes etwas konstatiert. Wie kann einer nur diesen ganzen Elitehype und einen hypothetischen Masterstudiengang ‘Used-Car-Dealership’ als Chance für die Hochschullehre begreifen?:
“Jeder Studiengang wird zum Formexperiment und steht als dieses in der Diskussion zwischen Studierenden, Dozenten und Praktikern”..
Humboldt adé. Wenn man sich erinnern darf:
” Was man daher höhere wissenschaftliche Anstalten nennt, ist, von aller Form im Staate losgemacht..” - Humboldt, W. v., Antrittsrede in der Berliner Akademie der Wissenschaften, 19.01.1809.
Naja, ich hatte vor ein paar Tagen also den Lettre-Deckel zugeklappt, noch ein wenig nachgedacht und den Artikel dann eigentlich ganz gut gefunden. Die Humboldt’sche Idee der akademischen Lehre beruhte ja in letzter Instanz auf dem Glauben an eine heilige Reinheit der wissenschaftlichen Erkenntnis. Nach Zyklon B, Hiroshima, und DDT ist es jedoch sicher an der Zeit wissenschaftliche Praxis irgendwie in die demokratische Gesellschaft einzubinden. Baecker umschreibt seine Universität der Zukunft, die “kleine Universität”, aus der Perspektive eines Soziologen als ein Ort, an dem sich die Dozenten nicht mehr an ihren Bücherregalen orientieren, sondern zunehmend auch an den Praxiserfahrungen ihrer Studiengänge, als eine Universität in der “vom Besonderen auf das Besondere geschlossen” werden soll. Das hörte sich dann eigentlich in meinen Ohren ganz gut an, und ich konnte beruhigt schlafen. - Die vielen kleinen nicht-Eliteunis als Ort eines Dialogs zwischen Lernenden und Lehrenden. Das kommt ja meinem aufklärerischem Romantizismus ganz nah.
So ganz ruhig lies mich dieser Text dann aber doch nicht. Was heißt denn “Praxiserfahrung der Studiengänge”, heißt das Opportunismus gegenüber den potentiellen Jobgebern? Car-Dealer, oder Used-Car-Dealer Bachelors brauchen keine Paläontologie und doch ist Paläontologie wichtig. - Aber ich habe derzeit Anderes zu tun und so landeten die Fragen, die aufgeworfen wurden in meinem Papierkorb.
Jetzt lese ich nun diese “communicating science” Texte, und da wird die gegenwärtige Wissenschaftssituation als in einer “transition from ‘academic’ science to ‘post-academic’ science” [1] beschrieben, in der die Arbeit der Wissenschaftler nicht mehr durch die Wissenschaftsgemeinschaft bestimmt wird, sondern “durch komplexe Verhandlungen zwischen sozialen Gruppen: nationale und lokale Politiker, private Firmen, und ihrer Verbindungen, Lobbies oder Gruppen spezieller Interessenten, ‘moralischen Autoritäten” und den Medien”. Die Wissenschaftler werden aufgefordert in diesem Wettstreit ihre Interessen aktiv zu vertreten indem sie Wissenschaftskommunikation betreiben. Baecker winkte mir mit einem Zaunpfahl. Was in dem Dokument der EU Kommission als “Klima wechselseitigen Wissens” beschrieben wird, ist vielleicht so etwas, wie Baeckers “ökologischer Grundgedanken” der Wissenskommunikation.
Das Tragische an diesen schönen Welten ökologischer, wechselseitiger Wissenskommunikationen ist nur, dass die “sozialen” Gruppen unserer Wissensgemeinschaft durchaus ein recht deutliches ökonomisches Ungleichgewicht verkörpern. Es ist Lobenswert, dass die EU Kommission uns Wissenschaftler für den sich abzeichnenden Kampf um die Forschungsgegenstände fit machen will. Fraglich bleibt ein wenig, ob die Interessen, die wir Wissenschaftler vertreten im besten Gewissen unhabhängig bleiben werden, wenn wir unter immer größerem Sachzwang von McKinsey, Bertelsmann und Co handeln.
Antworten habe ich auf diese Fragen noch nicht, aber aus dem Papierkorb habe ich sie ersteinmal wieder herausgeholt.
[1] Dieser link ist zum Thema “post-academic science” vielleicht ganz interessant.






July 25th, 2007 at 12:46 pm
Wissenschaft wird nicht mehr als eigenständige Kulturleistung angesehen, sondern nur noch als einen Wirtschaftsfaktor unter vielen, der allein daran gemessen wird, was er kurzfristig an wirtschaflich verwertbaren Ergebnissen liefert.
Und das wird von Politikern und Wirtschaftsvertretern auch noch als Fortschritt verkauft.
In Wahrheit betreiben wir Ausverkauf an den Grundlagen unserer Kultur. Die Gedanken der Aufklärung, kritisches Denken, das Ideal des lebenlangen Lernens ohne wirtschaftliche Erfolge…Alles passé.
August 17th, 2007 at 2:08 pm
[…] Wir bleiben in der Universität. Unter dem Titel "Wissenschaftskommunikation an Post-Akademischen Universitäten" hat Björn Kröger bereits vor drei Wochen einige interessante Gedanken angestellt […]