Nichtwissen
ist gerade en vogue. Am Dienstag im Zug von Hamburg nach Berlin hab ich in der ‘DB mobil’ ein Interview mit Kathrin Passig und Aleks Scholz (beide von der Riesenmaschine) über ihr “Lexikon des Unwissens” gelesen. Ich kenn das Buch nicht, hab auch nicht vor es zu lesen, aber das Interview macht den Eindruck es geht hier um weichgespültes Scientainment (gerade lese ich diese Spiegel Rezension, die mir recht zu geben scheint). Dabei wirkt das Ganze eher als Nebelbombe um das Nichtwissen um das Nichtwissen zu verschleiern.
En vogue ist das Thema auch, weil in der Domäne des Nichtwissens der Glaube beheimatet ist und einige Fundamentalisten der Meinung sind mit ihrem Glauben, das was wir Wissen bekämpfen zu müssen.
Nun lese ich leidenschaftlich gern die dekonstruktivistischen Texte Derridas. Die Dekonstruktion hinterfragt die Logik binärer Unterscheidungen um sie dann zu verschieben und zu zersetzen . Wissen – Nicht-Wissen ist so eine binäre Unterscheidung. Und Derrida hat auch ein bisschen dazu in der “Stimme und das Phänomen” geschrieben. In dem Moment, wo wir vom Nicht-Wissen reden, dann schwebt uns das Nicht-Wissen als Gegenpol zum Wissen vor. Das Nicht-Wissen ist also immer nur aus unserer Perspektive vom Wissen her zu verstehen. Der Diskurs ums Nicht-Wissen ist daher immer ein verdeckter Diskurs um die Inhalte und Imperative des Wissens..
Im Frühjahr dieses Jahres wurde diese schöne Karte veröffentlicht:
Sie zeigt das System der Wissenschaften als Netzwerk auf einer Matrix, die die Welt des Wissens in der Ansicht der Autoren wiedergibt. Die Knoten sind die meistzitierten ihrer 800.000 (!) analysierten Arbeiten. Die Linien sind die Zitierströme, die Distanzen die Nähe der gegenseitigen Zitationen. Das sieht sehr schön aus. Meiner erste Assoziation dazu war eine Karte, wie diese:
hier aus dem frühen 16. JH, in der noch so einiges auf dem Globus fehlt, weil ich alle meine wissenschaftlichen Interessensgebiete in der Sciencemap nicht gefunden habe, also paläobiologische Themen, und Metathemen wie Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftspolitik, und Philosophie.
Aber, die leeren Flecken in dieser Karte zu suchen ist in etwa so müßig und Paradox wie ein Lexikon des Unwissens. Spannend ist vielmehr die Frage, warum an manchen Stellen keine Wissenschaft betrieben wird, wo die Wahrnehmungsbarrieren der verschiedenen Fachgebiete liegen. Beides stellt die Karte nicht dar, es liegt nicht in ihrer Logik. Zu beiden Themen gibt es - Nichtwissen ist ja gerade en vogue - aber kurzweilige Blogbeiträge:
Benjamin Cohen befragt auf der Worlds Fair David Hess, den Autor des gerade erschienenen “Alternative Pathways in Science and Industry” nach “undone science”, Wissenschaft, die nicht betrieben werden kann weil ihr das funding fehlt.
Marc Scheloske von der Wissenswerkstatt behandelt agnotologische Nebelbomben aus der Medizin und zeigt wie Unwissen instrumentalisiert werden kann.
Robin Hanson zeigt auf Overcoming Bias, dass Wissenschaftler ihr Wissen über fachfremde Wissenschaften bevorzugt aus den Massenmedien beziehen. Sie neigen daher in Bezug auf andere Fachgebiete dazu, dem mainstream Glauben zu schenken und kennen kritische/minority Perspektiven seltener.
..schade, dass sowas nicht in der Bahn rumliegt, dann bräuchte ich dort nicht gelangweilt die ‘DB mobil’ lesen.







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