Ismen sind auch immer Gravitationszentren für Identifikationen. Wenn man sich streitet, sagt man: “Ich bin ein xyist” und schon gehts los. Damit ich mich in diesem Labyrinth besser zurecht finde, liefere ich hier mal ein kleines Wörterbuch bio-relevanter Ismen ab:

Adaptionismus: Dazu gibt es eine Wikipedia-Seite. Mit Adaptionismus meint man die Anschauung, die Merkmale der Organismen sind in erster Linie Anpassungen als Folge der natürlichen Auslese. Das Thema ist Dauerbrenner der Evolutionsbiologie. Die tieferliegende Frage in den Auseinandersetzungen um den Adaptionismus ist immer, welche Rolle die natürliche Auslese für die Entstehung der Merkmale der Organismen spielt. Man kann sich vorstellen, dass man in Diskussionen um die Bedeutung von Anpassungen ein politisches und weltanschauliches Minenfeld betritt. Ich hab zum Thema ja vor kurzem gebloggt.

Holismus: Komplexe Systeme sind mehr als die Summe ihrer Teile. Jedes Teil eines Ganzen kann nur in dem Kontext verstanden werden, in dem es operiert. Es gibt verschiedene holistische Anschauungen der Vitalismus und der Organizismus sind zwei gegensätzliche Beispiele.

Humanismus: so wie ihn Freeman Dyson definiert. Die ethische Anschauung, dass wir Menschen integraler Teil der Natur sind, dass wir daher nicht gegen die Natur handeln, sondern in einer Logik die auch der Natur innewohnt. Der Mensch hat durch sein handeln Verantwortung für den Zustand der Ökosysteme. (Ist das vielleicht so etwas wie ein ethischer Monismus?). Es gibt in diesem Sinne sicherlich einen religiösen Humanismus und einen materialistischen Humanismus.

Kreationismus: Nicht zu verwechseln mit Kretinismus. Weites Feld, bester deutschsprachiger Link zu dieser Plage bei evil-under-the-sun.

Mechanismus: Siehe Reduktionismus.

Monismus: Bezeichnet die Anschauung, dass alle Naturerscheinungen auf einem einheitlichem Prinzip gründen. Auch Kreationismus kann monistisch sein. Biologischer Monismus kann so Unterschiedlich sein, wie Haeckels Idee, dass alle Substanz Leben besitzt, oder unser moderner Materialismus.

Naturalismus: Nimmt sensu Dyson im Gegensatz zum Humanismus an, dass die Natur und die Menschheit zwei antagonistische Pole sind. Der menschliche Eingriff in die Natur hat deshalb immer etwas Zerstörerisches für die Natur. Naturalisten meinen, die Natur wisse am besten, wie es geht, wir Menschen müssen die Gesetze der Natur respektieren. Die radikale Ökoorganisation Earth First ist ein gutes Beispiel für praktizierten Naturalismus. Naturalismus kann religiös aber auch materialistisch begründet werden.

Organizismus: Auch hierzu gibt es einen kurzen Wikipedia-Eintrag. Im Unterschied zum Reduktionismus meint der Organizismus, dass Organismen nicht hinreichend durch das vollständige Verständnis ihrer Teile erklärt werden können, sondern, dass es Eigenschaften gibt, die erst im Gesamtkontext des Organismus erklärbar sind, emergente Eigenschaften. Im Gegensatz zum Vitalismus, meint der Organizismus jedoch, diese emergenten Eigenschaften sind in vollem Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten der Teile, ist also eine Form des Materialismus. Der beste Text zum Thema ist Gilbert und Sarkars review-Artikel “Embracing Complexity: Organicism for the 21st Century“.

Reduktionismus Die Anschauung, dass alle komplexen Einheiten in der Biologie (z.B. Proteine, Organismen, Ökosysteme) vollständig durch die Eigenschaften ihrer Teile erklärt werden können. Manchmal wird diese Definition auch noch ausgeweitet und bezeichnet die Anschauung, dass die Vorgänge, welche zur Entstehung von Merkmalen führen auf allen Betrachtungsebenen die selben sind. Ein halbwegs aktuelles Beispiel dieser Ausprägung des biologischen Reduktionismus ist Armand M. Lerois paper “The scale independence of evolution“.

Vitalismus: Die Organismen und die Gesamtheit der Organismen (das Leben) sind mehr als die Summe ihrer Teile, dieses Mehr beinhaltet jedoch im Gegensatz zu organizistischen Anschauungen so etwas wie eine “Lebenskraft”. Bergsons elan vital ist wohl am besten bekannt. Vitalismus ist bei Haeckel monistisch, bei Bergon holistisch.

Wenn ich dass so lese, würde ich mich als organizistischen Humanisten bezeichnen. Alles klar?