Nieder mit der Relevanz! Es lebe die Relevanz!
Es ist schon fasst wie die Pest, manchmal möchte ich einfach forschen, neugierig meinen ganz individuellen Fragen nachgehen und die wissenschaftliche Freiheit dazu haben. Die hab ich nicht, ich muss mir ständig um die Relevanz meiner Arbeit Gedanken machen.
Bin ich das meinen Geldgebern, derzeit den französischen Steuerzahlern, schuldig?
Es gab einmal eine Zeit, da gab es so etwas wie einen Konsens, dass die Gemeinschaft (der Staat?) gewisse Dinge fördert, wie etwa Bürgersteige, Schwimmbäder, Opern, oder auch Orte an denen geforscht wird ohne, dass ein Patent nach dem anderen rausspringt oder eine blockbuster-TV-Sendung nach der anderen.
Diese Zeiten sind eindeutig vorbei und das ist mittlerweile auch beim Deutschen Studienpreis der Körberstiftung angekommen. Bei dem wird “gesellschaftliche Relevanz” nun zum Hauptkriterium für prämierungswürdige Arbeiten. Die aktuelle Nummer des sciencegarden hat dies zum Anlass genommen, sich in ganzer Breite dem Thema zu widmen. Das Ergebnis sind eine Hand voll wirklich spannender, lesens- und diskussionswerter Beiträge.
Relevanz heisst “Bedeutsamkeit” und kommt vom lateinischen levare, “aufheben”. Relevant ist etwas, wenn es aufgehoben wird. Wenn wir Wissenschaftler eine Idee etc. wiederaufnehmen, dann zitieren wir. Der beste Ausdruck von Relevanz im System Wissenschaft ist also das Zitat. Ich bekomme über die Paläo-relevanten listserver mit, dass allerorten derzeit ganau das, nämlich der Inhalt von dem was Relevant sei und wie dies zu messen sei heiß diskutiert wird. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es in diesen Diskussionen darum geht, den enormen Druck relevante Wissenschaft zu leisten, der da plötzlich auftritt, intern loszuwerden.
Frank Berzbach hat nur zu sehr recht, wenn er seine Kritik des hypes um die “Gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft” damit beginnt, eben jene Relevanz in die verschiedenen Sphären unserer Gesellschaft hinunter zu dividieren. Wenn nämlich von der gesellschaftlichen Relevanz im Singular gesprochen wird, dann ist immer mehr oder weniger explizit die monetäre Relevanz gemeint. Am besten ummünzen lässt sich Wissenschaft heute nicht nur mit Patenten, sondern in populären Medien und mit exzellenten Universitäten.
Dass sich der ökonomische Wert heutzutage nicht platt ausgedrückt in der Zahl der Patente misst hat vielleicht in den letzten Jahren am besten Georg Franck mit seinem “Mentalem Kapitalismus” gezeigt. Franck sagt, dass es eine Ökonomie der Aufmerksamkeit gibt in welcher mit Aufmerksamkeit wie mit einer Ware gehandelt und spekuliert wird. Diese Ökonomie sei in unserer Massengesellschaft ebenso wichtig wie die monetäre Ökonomie.
Vielleicht ist an diesem Punkt eine Erklärung zu finden warum derzeitig die Zitationsraten unter den Wissenschaftlern derart fetischisiert werden. Wir alle wissen wie wichtig es ist wahrgenommen zu werden. In einem hier lesbaren Gepräch sagt Georg Franck:
“Happiness in future will mean to be famous once in one’s lifetime for 10 minutes.”
Einmal kurz berühmt werden…, ach das fänd’ ich auch nicht so schlecht. Die Frage ist nur: ist das der richtig Maßstab für eine Wissenschaftskultur?
Frank Berzbach befindet “science doesn’t matter”, frei nach T.S. Elliot’s “poetry doesn’t matter.” Wenn ich dieses Paradoxon richtig verstehe, dann meint er damit, dass Wissenschaft in aller Regel im allgemeinen Sinne (im ökonomischen, politischen, gesellschaftlichen etc.) keine Relevanz hat. Es ist mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen wie mit Celans Flaschenpost (den Gedanken habe ich aus dem Georg Franck Gespräch, und als Celan-Fan muss ich das hier aufgreifen), Celan sagt, das Gedicht sei eine Flaschenpost, aufgegeben mit der Hoffnung irgendwo an Land gespült zu werden.
Die Wissenschaft lebt davon, dass es viele Wissenschaftler gibt mit vielen verschiedenen messages. Die meisten messages sind nur für ein paar Wenige interessant, wenige messages werden irgendwann einmal für ganz viele interessant, oder sind extra für viele geschrieben (review article). Zur Zeit schauen wir alle hypnotisiert auf die wenigen messages die für die Vielen interessant sind und befinden die vielen messages an die Wenigen für zu leicht. Die vielen messages die nur die Wenigen interessieren haben aber in der Summe und in ihrer Vielfalt eine gesellschaftliche Relevanz die viel größer ist als wir es ahnen (Das sage ich jetzt hier einfach mal so). In this sense science matters!






October 16th, 2007 at 1:55 pm
Das Problem ist auch, dass eine wissenschaftliche Arbeit, die heute angefertigt wird, erst mal nur für wenige interessant sein mag. Das mögen aber Forscher in 100 Jahren völlig anders sehen.
Außerdem ist man nach diesem Prinzip zum Erfolg verdammt. Aber es liegt nun mal im Wesen unseres Geschäftes, dass wir unerforschte Gebiete betreten und das birgt nun mal auch die Gefahr, dass man sich ab und an verirrt. Für die Forschergemeinde ist aber auch die Aussage, dass eine spezielle Idee fehlschlägt, ebenfalls von Relevanz.
Es gab mal eine Zeit, in der die Wissenschaft an sich, das Streben nach Erkenntnis und die Suche nach den großen Zusammenhängen einen Wert hatte. Völlig ungeachtet, was man damit “praktisch” anstellen könnte.
Inzwischen müssen wir immer wieder erklären: “Und wozu ist das gut?”
Das ist eine Fragestellung, die aber in vielen Fällen zunächst gar nicht beantwortet werden kann bzw. die Forscher auch gar nicht beantworten wollen, weil es nicht ihre Hauptmotivation ist.
Man muss sich nur die Pioniere um Franklin, Volta und co ansehen. Hatten ihre Experimente den Sinn, Häuser mit Licht zu versorgen?
Nein, es war schlicht und ergreifend Neugierde und Wissensdurst, die sie vorantrieben. Es war eher Grundlagenforschung.
Die Erkenntnis, dass man damit tatsächlich im großen Stil ganz praktische Dinge anstellen kann, kam um einiges später.