Verworrenes zu Linnaeus Geburtstag

Ich habe ja im April versprochen den Geburtstag von Linné nicht zu vergessen. Eigentlich bin ich ein notorischer Geburtstags-Vergesser. Wieso sollte ich mich also ausgerechnet an den erinnern?
Weil es ein großes Ereignis ist: 300 Jahre Linnaeus, das ist fast so wie der 200 jährige von Darwin in 2009. Die Leute feiern das als Mr. Flower Power’s Birthday
Was mich am meisten an Linnaeus Arbeit umtreibt ist natürlich sein “Systema naturae”. Ich wandele täglich durch die Hallen des Naturkundemuseum, die vollgestopft sind mit eingelegten Tieren, viele davon Typen. Und jeder Biologe muss sich früher oder später mit dem Typusproblem auseinander setzen und eine Idee davon entwickeln, was diese Typen in den Gläsern nun sind. Wir Deutschen hatten ja lange ein spezifisches Problem mit einem bestimmten Typologischen Essentialismus, nicht nur in der Biologie. So ein Viech in ein Glas zu stopfen und ein Etikett drauf zu kleben hat natürlich mit Linné zu tun. Linné ging mit seinem System der Klassifikation der Organismen noch davon aus, dass es eine zählbare Menge von unveränderlichen Organismen auf der Erde gäbe.
Darwin betrachtete die Frage, “was Art und was Varietät ist” als “Schlag ins Wasser” solange es noch keine allgemein gültige Definition gibt und hielt die Bezeichnung “Art” für etwas willkürliches. Mayr gab dann ja bekanntlich die erlösende Definition der Art als eine Population von Organismen, die sich gegenseitig Fortpflanzen (biologisches Artkonzept, Populationsdenken). Und das ist das einzig sinnvolle Konzept im Rahmen darwinistischen Denkens, weil nur solcherart Art raumzeitliches Individuum der Evolution sein kann, also Agens und Akteur von Selektion und Variation.
Da typologisches Denken Variation ausschliesst, ist es unvereinbar mit darwinistischem Denken. Trotzdem stopfen wir darwinistisch Denkenden die Viecher in die Gläser und kleben auf den Deckel einen Namen. Wir machen das, damit wir ein Referenzexemplar für einen Organismus haben, dem wir einen Namen gegeben haben, und den wir, im Falle er begegnet uns nocheinmal, wiedererkennen wollen. Und wir nehmen an, dass dieses Ding im Glas eine hinreichende Referenz für ein bestimmtes raumzeitliches Individuum der Evolution ist.
Eine andere Methode das zu tun, und das kommt gerade in Mode ist: barcoding. Da wird nicht mehr nur das Tier ins Glas gestopft, sondern bestimmte Bereiche des Genoms als hinreichend für die Wiedererkennung ausgelesen und in eine Datenbank gelegt. Und das ganze ist nebenbei noch eine kleine Geldmaschine.
Leider ist es ja so, dass trotz Mayr’s großartigem Konzept, was denn eine Art sein könnte, immer wieder gezeigt wird, dass, wenn wir genauer hinschauen sich das so einheitliche Konzept fraktal aufzulösen beginnt in haplotype Gruppen, Unterarten und Unterunterarten. Auf allen Ebenen spielt die Selektion. Das ist verworren.
Wie sich die Dinge so fügen, lese ich vor ein paar Tagen einen Artikel von John S. Wilkins bei Evolving Thoughts in dem so etwas kryptisches steht wie, dass in der Linneschen Taxonomie die Art das token des Genus-Typus war. Dort wird also auf Termini der Logik bezug genommen.
Das ist spannend. Wie sehen Logiker das Verhältnis von types and tokens?
In dem Artikel des Stanford Encyclopedia of Philosophy schreibt Linda Wetzel, dass tokens als raumzeitliche Besonderheiten der Typen angesehen werden und fragt dann ob Typen überhaupt existieren. Das kommt mir bekannt vor … ![]()
Und schliesslich: token können jeweils wieder Typen untergeordneter token sein, und das ad infinitum…
In der Logik, in der Linguistik und in der Biologie gibt es das gleiche Problem mit der Bestimmung der Klassen. In den comments zu dem Artikel in Evolving Thoughts kommen dann auch noch Programmierer zu Wort mit ihren Klassen und Typen und irgendwie bringt mich das alles ganz durcheinander.
Ich frage mich, ob Klassifikation eine gehobene Methode der Verwirrungsstiftung ist.
Viva Linné.





May 23rd, 2007 at 10:03 am
Danke für den Artikel und die kurzen Hinweise auf aktuelle Bemühungen, Klassifikations- und Ordnungssysteme zu etablieren. Linné selbst ist ja auch uns Wissenschaftssoziologen/-historikern ein Begriff. Interessant ist jedoch deine Schilderung der Motivation, die dahintersteckt, wenn Typologien erstellt werden (Eintüten-Deckel drauf-Etikett dran-fertig!). Und sehr treffend, daß hier ein kaum auflösbarer Widerspruch zu einer evolutionär-darwinistischen Sicht besteht.
Von den Bemühungen einzelne Genomsequenzen per Barcode zu archivieren, hab ich bislang noch nie was gehört. Fein, wieder etwas gelernt zu haben. Und die Problematik, daß die Klassifizierungssysteme solange wunderbar sind, bis man genauer…. und noch genauer hinschaut…. und dann alles doch verschwimmt, ach, wunderbar erklärt! So kann man es auch als Laie nachvollziehen.
May 23rd, 2007 at 11:34 am
Marc: Danke für das Kompliment. Das ist ja wirklich ein Wderspruch; wir denken oft in Typen, obwohl wir es besser wissen. Das ganze ist eine Arbeit wert die bestimmt schon irgendwo geschrieben steht..
kleiner blogroll zum Linné-Geburtstag:
fiket, aus Schweden
fhipp hipp hurra aus Tyras Garden
rank zero mit Linné Backgammon spielen
Musings from the Ivory Tower
Scienceblogs haben einen eigenen blogroll zum Thema auf der frontpage.
May 23rd, 2007 at 6:50 pm
Was mich an Mayrs Definition immer verwirrt hat: Was ist mit parthenogenetischen Lebewesen? Jedes Individuum eine Art?
Ich bin ja eher skeptisch was den Versuch angeht, über ein Klassifikationssystem die Realität abzubilden. Der Begriff der Art ist nun mal ein künstlicher, und meiner Meinung nach müssen wir einfach damit Leben, dass es in der Wirklichkeit keine wirklich brauchbare Entsprechung gibt.
Ein bisschen kritische Distanz zur Idee hinter der Klassifikation fände ich jedenfalls wesentlich sinnvoller als das elende Rumgefrickel mit nie wirklich passenden Kriterien.
May 23rd, 2007 at 8:24 pm
noch mehr blogroll zum thema:
blog around the clock hat seinen eigenen blogroll zum thema, dort sind besonders auch die Beiträge von John Wilkins auf
Evolving Thoughts empfohlen.
Und, na klar das Ereignis überhaupt: der Japanische König in Uppsala.
Das ist wirklich lesenswert:
D. WeinbergerLinnaeus und seine Karteikarten! via
Betsy Devine die die Ursprünge von Ikea bei Linné verortet
Bisher sieht es im deutschsprachigen Raum mau aus zum Thema. Es gab bei technorati ein zwei hits aber die bringen nichts wirklich substantielles.