Vor ein paar Wochen fiel mir durch einen Beitrag hier im Blog ein Artikel in die Hand, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Arthur J. Boucot’s Vakuum Artikel. Ein völlig seltsamer Text, eine “Presidential Address To the Society, 1981″ gemeint ist die “Society of Economic Paleontologists and Mineralogists” Mit der Frage, ob Evolution im ökologischen Vakuum stattfindet zum Titel und einer “II.”, die wohl daraufhindeutet, dass es irgendwo eine “I.” gibt, die ich aber nirgends gefunden habe und auf die im Text auch nirgends Bezug genommen wird. Ebensowenig wird im Text darauf Bezug genommen, was denn nun mit einem “ökologischen Vakuum” gemeint ist. Ich habe den Text immer so verstanden:

Boucot stellt fest, dass es über die Zeit des Phanerozoikums etwa ein dutzend ökologisch-evolutionäre Einheiten gibt. Diese Einheiten zeichnen sich durch ganz bestimmte Fossilgemeinschaften auf dem Meeresgrund aus (Tiefwasser-, Flachwasser- und Riffgemeinschaften), die von bestimmten Taxa dominiert werden, die sich über Zehner-Millionen von Jahren kaum verändern [1]. Die Evolution findet stattdessen bei den vielen Taxa statt, welche die Gemeinschaften nicht dominieren, die selten sind und regional sehr begrenzt vorkommen. Es gibt allerdings Zeiträume, so Boucot, in denen diese Gemeinschaften implodieren und sich vergleichweise schnell umorganisieren. Viele dieser Zeiten beginnen mit einem Massenaussterben aber nicht alle. Die wesentlichen evolutiven Veränderungen der die Gemeinschaften dominierenden Gruppen fänden zu diesem Zeitpunkt der Implosion statt. Nur dann, so Boucot findet allopatrische Speziation statt. Die revolutionären Zeiträume der Implosion habe ich als Boucot’s Vakuum verstanden.

Nun fiel mir aber heute ein, dass man das Vakuum ganz anders verstehen kann: Wenn die Faunenzusammensetzung im wesentlichen stabil bleibt und nur die seltenen und wenig verbreiteten Arten schnell evoluieren, dann fände die Evolution in aller Regel (nämlich in den Zeiträumen in denen keine Implosionen stattfinden) dort statt, wo es ökologisch nicht besonders wichtig ist, wenn sich etwas verändert. Boucot drückt sich in beinah Deleuze’scher Manier folgendermaßen aus:
“This phyletic, and time-sympatric, species level evolution of some genera has no effect on that element of fitness having to do with relative abundance, and is neutral in that sense.” Ist dieses Neutralität vielleicht Boucot’s Vakuum? [2]

Trotz dieser Ungereimtheiten entfaltet dieser Text von Boucot in meinen Augen immer mehr Potential. Fragen werfen sich auf wie:

Ist das Biodiversitätssignal vielleicht nur noise in einem gegebenem organismischen Netzwerk? Ist Biodiversität die Ressource aus der sich bei einer unvorhergesehenen Implosion des Ökosystems die schnelle Erholung speist? Kann es sein, dass die schnellen evolutiven Veränderungen am ausgefaserten, artenreichen Rand zu gewissen Zeiten das System selbst zum Umsturz bringen? Müssen wir vielleicht unseren Blick von den dominanten Taxa weglenken hin zu den vielen seltenen, die potentiell irgendwann einmal auch zu den Gewinnern gehören?

Ich denke, viele der gegenwärtigen biologischen Arbeiten zum Thema Diversitätssteuerung in Ökosystemen [zB. 3]können bestenfalls Anregungen liefern die Vorgänge, die über lange Zeiträume im Phanerozoikum stattfanden und stattfinden zu verstehen. Es wird wohl noch nötig sein massenhaft Fossilien zu sammeln..

[1] In den 1990iger wurden die Boucout’schen ökologisch-evolutionären Einheiten aufgegriffen und die Idee der coordinate stasis entwickelt. Es sah zeiweise so aus, dass diese Ideen dann jedoch zumindestens für die Devonische Hamilton Formation in New York widerlegt waren, die bis dato immer das Paradebeispiel für coordinated stasis war. [3]. Nun kam aber gerade eine Arbeit von einem der “Erfinder” der coordinated stasis heraus, in der gezeigt wird, dass die fossilen Faunengemeinschaften der Hamilton Formation über die Zeit stabil bleiben sich jedoch mit den Schwankungen des Meeresspiegels entsprechend verschieben [4]. Das heisst, dass zumindestens in der Hamilton Formation im Mitteldevon die Faunengemeinschaften über Jahrmillionen stabil bleiben und die Meeresspiegelschwankungen nicht zur Auflösung der Faunengemeinschaften führen und zur Evolution neuer Taxa, sondern, dass sich diese Faunen mit dem Meerespiegel verschieben.

[2] Dass die meisten Arten einen geringen Effekt auf das Funktionieren von Lebensgemeinschaften haben ist seit längerem bekannt. Berlow zeigt aber, dass nicht umgekehrt geschlossen werden darf, dass seltene Arten immer einen geringen Effekt auf das Ökosystem haben.