Adaptionismus - Das Springen der Wanzen ultimat und proximat betrachtet
Unter den Biologen und Paläontologen an unserem Museum gibt es ein regelmäßiges informelles Treffen in der Kneipe, bei dem wir über besonders spannende paper diskutieren. Gestern haben wir über das Homologie-Konzept in der Biologie diskutiert. Darüber möchte ich hier gar nicht schreiben, aber über eine klassische Arbeit von Ernst Mayr, die ich nach den Diskussionen von gestern gelesen habe: E. Mayr, 1961. Cause and effect in Biology, Science 134:1501–1506. (hier gibt es eine freie Kopie)
Mayr hat sich beinah sein ganzes Leben lang immer wieder mit teleologischen Anschauungen in der Biologie auseinander gesetzt, also mit der Idee, das Leben würde ein Endziel verfolgen, oder einen Zweck. In Mayrs Jugendzeit waren ja Leute wie Driesch und Bergson en vogue die im Leben einen elan vital sahen und in den Lebewesen eine Entelechie. Die Welt hat sich seitdem ein paar Mal gedreht und Driesch kennt zum Glück kaum einer mehr und Bergsons biologische Ideen werden unter Philosophen diskutiert und nicht mehr unter Biologen.
Wie komme ich jetzt darauf? Als wir gestern über Homologie geredet haben, hat ein Kollege den Fall einer springenden urtümlichen Wanze und einer singenden urtümlichen Zikade erwähnt. Beide Tierchen sind jeweils morphologisch noch nicht als springend, bzw. singend zu erkennen. Man kann jetzt natürlich, und das ist ziemlich spekulativ, darüber diskutieren ob das springen und singen ein urtümliche Merkmal ist, was dann immer wieder in der jeweiligen Gruppe zu den entsprechenden Merkmalen führte. Was mich jedoch interessierte war das “warum” - und da bin ich bei Mayr. Mayr hat nämlich in besagtem Artikel unterschieden zwischen proximalen und ultimaten Gründen warum etwas in der Biologie passiert.
Der Mensch handelt (jedenfalls oft) zweckgerichtet: “Ich will auf den Mond!” Die Wanze reagiert eher auf das olfaktorische oder mechanische Signal meiner Beine und ihr Antrieb ist der Hunger, wenn sie springt. Das ist der proximale Grund des Springens der Wanze, der mag zweckggerichtet sein. Der ultimate Grund des Springens der Wanze, darwinistisch erklärt, ist, dass es ihr einen Selektionsvorteil gegenüber den Wanzen verschafft die mich nicht anhopsen, weil die nicht an mein Blut kommen. Teleologie verwechselt nun proximale Gründe mit ultimaten Gründen, weil “die Wanzen” ja nicht das springen gelernt haben weil sie das als Selektionvorteil erkannt hätten, sondern der Selektionsvorteil stellte sich erst in der Retrospektive heraus und wirkt sozusagen synchron mit der Vererbung des neuen Verhaltens.
Das ist nun der (proximale) Grund warum ich dieses Thema hier anbringe (den ultimaten verrate ich hier nicht): Vor ein paar Wochen habe ich auf Sandwalk eine Diskussion um den Adaptionismus mitverfolgt, die immer mal wieder aufbricht. Diesmal angekratzt von jenem Doug Erwin Artikel. Adaptation ist ein Totschlag-Argument, mit dem sich immer viel erklären lässt. Wenn ein Merkmal da ist, lässt sich leicht erklären, dass das eben eine Anpassung an dieses und jenes sei. Mir kam nun gestern Abend der Gedanke, dass ein gewisser adaptionistischer Dogmatismus die versteckte Form der Entelechie, oder vielleicht eine Art melancholische Rückbesinnung an das schöne bequeme, alte teleologischen Denken sei. Die Anpassung als das ultimate Ziel der Evolution. Simpson hat ja mal gesagt, dass der Opportunismus das herausragendste Merkmal der Evolution sei, weil die Evolution immer auf Anpassung hinsteuere.
Die kleine Wanze und die singende Zikade machen aber eigentlich ganz etwas Anderes, sie erfinden etwas, ohne genau zu wissen was das soll. Sie haben ja nicht den Selektionsvorteil im Kopf wenn sie losspringen oder singen und wohin sie springen und für wen sie singen, vielleicht nichteinmal den proximaten Grund ‘Hunger auf Blut” oder “Höre mir zu”. Es gibt viele Gründe warum sie hopsen oder singen. Genauso ist es mit den Genen die driften, und die Chemie machen, ohne dass sie etwas von neuen Nischen, Selektionsvorteilen etc. wüssten. Der Pluralismus, der in den Diskussionen auf Sandwalk deutlich wird, zeigt daher, dass wir inzwischen wirklich weit weg sind vom teleologischen Denken in der Biologie. Das ist nicht ohne Mayr denkbar.






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