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Vampyroteuthis infernalis - Eine Vorbereitung

auf meinen nächsten Beitrag.

zahnarztbild.png

… und zwar mit einem Bildchen von Promachoteuthis sulcus. Dieses Tierchen wurde im letzten Jahr erstbeschrieben, ging vor kurzem über BoingBoing und hat dann die Blogosphäre ein wenig durchstreift [z.B. 1, 2]

Tintenfische sind gerne gesehen in den Bestiarien und beflügeln ab und an unsere Phantasie. Genauso aufregend wie das Gruseln über ihr Anderssein ist jedoch die Evolution der Kraken und Kuttelfische.

Bei den Cephalopoden streckte sich der Molluskenfuß vermutlich noch im Kambrium zu etwa zehn Armen aus und der Mund rutschte vom Vorderende des Körpers mitten in den Fuß hinein, eine Falte um den Hintern weitete sich zu einer Düse, manche Tiere wucherten um jenes Gehäuse herum, in welchem ihre Vorfahren noch gesteckt hatten (das passierte vermutlich mehrmals in der Geschichte der Cephalopoden) und schließlich wuchs bei einigen gar kein Gehäuse mehr und das, was einstmals Rücken war und schneckenhaft schüchtern versteckt wurde, ist nun nackt. Und an diesem nackten Rücken wuchsen wiederum bei manchen Flossen….
Wer Spaß an solchen Geschichten findet, den wundert es kaum noch wenn Promachoteuthis Lippen wachsen, die Zähne täuschen.

Ein wichtiger aktueller Beitrag zum Thema ist hier zu finden.

Ist das ein Service?

Ab heute kann gewählt werden und am 3. Dezember beginnt die Auszählung. Gewählt werden können die Mitglieder der Fachkollegien der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Wählen dürfen alle promovierten Wissenschaftler in Deutschland die durch eine der Wahlstellen erfasst sind.
Die Wahl der Fachkollegien findet alle vier Jahre statt. Sie ist eine der wenigen Möglichkeiten ist in der wir Wissenschaftler mehr oder weniger direkt auf die zukünftige Mittelvergabe der DFG Einfluss nehmen können.

Die DFG ist Deutschlands wichtigster Drittmittelgeber. Hier wird das Geld für den Löwenanteil der staatlich geförderten deutschen Forschung vergeben. Die Organisation der DFG sieht so aus:

dfg.png
Quelle: http://www.dfg.de/dfg_im_profil/struktur/index.html

Während also der Senat und der Hauptausschuss die großen Linien und Perspektiven bestimmen (das zu diskutieren ist ein eigenes Thema) wird die Kleinarbeit der Projektbewertung von den Fachkollegien
bewältigt. Hier wird im Einzelfall entschieden welcher Antrag den Zuschlag bekommt. Derzeit sind 577 Wissenschaftlern in 48 Fachkollegien gewählt, die 201 Fächer repräsentieren (Überblick hier).

Jeder von uns hat sechs Stimmen und kann aus einem Pool von ca. 1300 potentiellen Mitgliedern aus allen Fachbereichen wählen (Die komplette Liste gibt es hier). Ich könnte also wenn es mich Interessieren würde und ich ein spezifisches Interesse hätte auch einen Fachvertreter für die Theologie wählen. Hab ich aber nicht.

Ich habe mal geschaut, wer für mein Fach “Geologie & Paläontologie” antritt. Da gibt es 19 Kandidierende, 13 der Kandidierenden sind Paläontologen/innen oder haben recht viel mit unserem Fach zu tun:

Böhme, Madelaine
Brauckmann, Carsten
Dullo, Wolf-Christian
Freiwald, André
Frey, Eberhard
Kerp, Hans
Litt, Thomas
Oberhänsli, Hedwig
Pross, Jörg
Reitner, Joachim
Schäfer, Priska
Schneider, Jörg W
Schwalb, Antje

die anderen sind (Bahlburg, Hans Heinrich, Brumsack, Hans-Jürgen, Emeis, Kay-Christian, Kukla, Peter, Oncken, Onno, Tiedemann, Joachim)

vielleicht noch Interessant: Fach Evolution, Biodiversität, Anthropologie (Ganzhorn, Jörg, Reinhold, Klaus, Sommer, Simone
Tiedemann, Ralph, Vences, Miguel) und Fach Spezielle Zoologie, Morphologie
(Bartolomaeus, Thomas, Glaubrecht, Matthias, Haas, Alexander ,Vilcinskas, Andreas)

Na denn mal auf zur Wahl.

Wenn ich jetzt mal so resümiere, muss ich feststellen, dass es von einigen der hier aufgeführten Leuten nicht leicht war Informationen herauszufinden. Die webseiten sind versteckt hinter framekaskaden, sind veraltet oder bar jeder Information. Ob die Leute wohl vergessen haben, dass sie demnächst gewählt werden wollen?

Ist das nun ein Service?

Gartenblog

Sciencegarden hat jetzt auch einen Blog.
—> Das freut mich weil ich das Magazin super finde und es nun noch mehr zum Lesen und hoffentlich auch kommentieren gibt..

Ruinöse Konkurrenzen

Solidarität, das ist das Schlüsselwort von Bodo Zeuners Kritik an der “Unternehmisierung des Universitätsbetriebs”, zuerst erschienen im Sommer in PROKLA und nun hier frei verfügbar. Der Text, ist die Abschlussvorlesung des Berliner OSI-Profs und darin werden wie selten kurz und knackig die Veränderungen reflektiert, die wir gerade in der deutschen Universitätslandschaft erleben. Er ist ein must read.

Am Otto Suhr Institut der FU Berlin (OSI) wurde die Gruppenuniversität geboren, die heute zu Grabe getragen wird und Bodo Zeuner hat die Veränderungen dort seit den frühen 70ern erlebt und mitgeprägt. Letzte Woche wurde die FU Eliteuniversität und im letzten Jahr wurde sie vom Magazin “karriere” zur „unternehmerischsten Hochschule” in Deutschland gekürt. Die FU ist also wichtig, wenn man verstehen will was an unseren Unis gerade passiert.

Der Text reiht sich in die Kritik von Lissmanns ‘Theorie der Unbildung” ein, geht aber weiter, weil darin nach Alternativen gesucht wird. Es wird gefragt: Was kann der Kommodifizierung des Wissens entgegengesetzt werden und vor allem von wem.

Wir Uniwissenschaftler sind jedenfalls nicht gerade das revolutionäre Subjekt:

“Bei den Universitätswissenschaftlern besteht eine strukturbedingte Unfähigkeit zu solidarischem Handeln. Ihnen wird im Zuge ihres Aufstiegs Konkurrenz als Habitus ansozialisert und Solidaritätsbedürfnisse werden wegsozialisert. Man muss auf jeden Fall besser sein als die oder der andere. Was es unter den individuell auf Konkurrenz gegeneinander ausgerichteten WissenschaftskarrieristenInnen gibt, sind nicht-solidarische Gruppenzusammenschlüsse von stets prekärer Art: Seilschaften und Zitierkartelle. Das heißt: Jeder kann jeden fallen lassen, wenn es ihm gerade opportun erscheint.”

und

“In der Wissenschaft aufgestiegene Menschen, vor allem die Professoren, sind daher im allgemeinen sozial sehr viel dümmer als etwa Fabrikarbeiter, die ziemlich früh durch Erfahrung lernen, dass es ihnen schlechter geht, wenn sie nur für sich ihr Glück versuchen, statt sich zusammenzuschließen: Allein machen sie dich ein, lautet die Formel für diese Solidarität.”

Trotzdem gibt es Grund zur Hoffnung. Auch als Wissenschaftler mag man wissen, dass “ keine Gesellschaft ohne Solidarität überleben kann” und man kann sich solidarisch verhalten.

Hier müsste nun eigentlich die Diskussion beginnen. Wo ist Solidarität praktisch möglich und wie können wir diese strukturell fördern?

Warum wird das Laub bunt?

Das fragte mich gestern meine Tochter, als ich mit ihr durch einen wunderschönen mecklenburgischen Buchenwald stapfte. Der Himmel war himmelblau und die bunten Blätter leuchteten in der Sonne. Ich dachte an Mandelstams “Der Hohle Laut..” aber warum die Herbstblätter so wunderbar Leuchten, das fiel mir nicht ein. Irgend etwas unromantisches von Oxidation und Eisen, vielleicht, aber so richtig klar war mir das nicht.

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Heute Abend zurück im regnerischen Lille lese ich, dass sich auf der anderen Seite des großen Teiches jemand genau darüber ebenfalls Gedanken gemacht hat, ein Spezialist. Schön, dann kann ich dass hier gleich weiterverbreiten und meiner Tochter irgendwann einmal genau erzählen, falls sie das dann noch interessiert.

Ich lag gar nicht so falsch. Die Blätter werden bunt, weil sich in ihnen beim allmählichen herunterfahren der Photosynthese im Herbst solch wunderschön klingende Pigmente konzentrieren wie Anthocyanine (rot), Carotenoide (orange) und Xanthophyllide (gelb).

Mit den roten Pigmenten hat es etwas Besonderes auf sich, die werden nämlich ausschliesslich im Herbst gebildet. Und zwar um die Pflanze vor unerwünschten freien Radikalen zu schützen die sich bevorzugt bilden, wenn die Phososynthese im Herbst nachlässt. Die anderen Pigmente gibt es das ganze Jahr über in den Blättern, werden aber erst sichtbar wenn das Grün verblasst.

Interessant ist auch, dass die Bodenbeschaffenheit die Blattfarbe beeinflusst. Stickstoffarme Böden fördern das Herbstrot…

Nachzulesen ist das alles im Detail hier.

tiefer blogroll

Ich komme gerade kaum zum bloggen (Das ändert sich wieder ab November), immerhin komme ich ab und an zum Blog-lesen.

Heute habe ich auf meinen Blogroll geschaut und bemerkt wie wenig der eigentlich mit meinem Feedreader zu tun hat (Ich kann nur Sage empfehlen; super einfach einzubauen und macht das website lesen zum Spaß) – Mein Blogroll muss also aktualisiert werden, um wenigstens meine Lieblingsblogs zu verlinken.

Ich fange mal bei den Paläoblogs an: Deutsche Paläoblogs gibt es nicht, aber ich schaue gerne bei der Londoner Ethischen Paläontologin rein, durch die ich durch diesen wundervollen Artikel hier aufmerksam wurde in welchem sie einen kleinen Einblick in ihre Faszination zur Paläontologie gibt. Unbedingt erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch dieser lange Artikel von Lealaps in der er Darwins berühmten Epilog im “Origin” variiert (zu diesem Thema kommt auf tiefes leben auch bald ein Beitrag). Auch bei Lealaps spielt Paläo eine große Rolle. Das ist nicht anders beim Haarigen Museum für Naturgeschichte. Leider sind die meisten Paläo-Blogs ziemlich wirbeltierlastig.

Aber es gibt ja die Biologen. Da lese ich besonders gerne den Evilutionary Biologist John Dennehy dessen wöchentlicher Zitationsklassiker für mich immer besonders spannend ist, weil ich als ausgebildeter Geologe, diese Klassiker meist nicht kenne aber heute extrem spannend finde. This Week in Evolution verfolgt ein bemerkenswertes Konzept: Jede Woche wird ein aktueller Artikel der Evolutionsbiologie besprochen. Mein Feedreader frisst die großen Zeitschriften in denen evolutionsbiologische Artikel erscheinen, hier werden aber oftmals Artikel besprochen von denen ich als Paläontologe asnsonsten nix mitbekommen würde. Ganz besondes invertebrat, aber extrem lesenswert sind die Artikel des Molekularbiologen Laurence A. Moran auf dem Sandweg.

Auch wenn ich den ganzen ID Mist nicht abkann, lese ich ab und zu und gerne auf Blogs, die sich schwer daran abarbeiten: Da ist natürlich das Böse unter der Sonne, das, wie ich gerade gelesen habe auch gerne NoMeansNo hört und da ist der ganz seriös daherkommende Darwins Erbe, der eigentlich gar kein richtiger Blog ist.

Es gibt aber auch andere Wissenschaftsblogs die ich supergerne lese, die ersteinmal nix mit Paläo oder Bio zu tun haben. Zwei Beispiele sind der Overcoming Bias der mir ehrlichgesagt manchmal zu hoch ist. Da ich aber manchmal meinen Bias überwinden möchte und ich die Artikel dieser Oxford Intellektuellen oft sehr witzig finde, gehört Overcoming Bias zu meiner regelmäßigen Lektüre. In letzter Zeit lese ich sehr gerne auch den warmherzigen Blog des bloggenden Physikerpaares von Backreaction und es verschafft mir interessante Einblicke in die kleinen und großen Aspekte unseres Universums.

Die Wissenswerkstatt lese ich leider viel zu selten. Dabei habe ich völlig die Diskussion um die deutsche Wissenschaftsblogosphäre verpasst die dort im September aufkam (Wenn ich wieder mehr Zeit habe schalte ich mich ein). Ich hoffe, dass es so etwas wie ScienceBlogs bald im Deutschen gibt.

Dann sind da noch die Blogs die eigentlich off-topic sind, die verlinke ich gerne, bin aber doch zu bequem jetzt noch ein paar Sätze dazu zu schreiben, wen’s interessiert, der kann ja klicken.

Nieder mit der Relevanz! Es lebe die Relevanz!

Es ist schon fasst wie die Pest, manchmal möchte ich einfach forschen, neugierig meinen ganz individuellen Fragen nachgehen und die wissenschaftliche Freiheit dazu haben. Die hab ich nicht, ich muss mir ständig um die Relevanz meiner Arbeit Gedanken machen.

Bin ich das meinen Geldgebern, derzeit den französischen Steuerzahlern, schuldig?

Es gab einmal eine Zeit, da gab es so etwas wie einen Konsens, dass die Gemeinschaft (der Staat?) gewisse Dinge fördert, wie etwa Bürgersteige, Schwimmbäder, Opern, oder auch Orte an denen geforscht wird ohne, dass ein Patent nach dem anderen rausspringt oder eine blockbuster-TV-Sendung nach der anderen.

Diese Zeiten sind eindeutig vorbei und das ist mittlerweile auch beim Deutschen Studienpreis der Körberstiftung angekommen. Bei dem wird “gesellschaftliche Relevanz” nun zum Hauptkriterium für prämierungswürdige Arbeiten. Die aktuelle Nummer des sciencegarden hat dies zum Anlass genommen, sich in ganzer Breite dem Thema zu widmen. Das Ergebnis sind eine Hand voll wirklich spannender, lesens- und diskussionswerter Beiträge.

Relevanz heisst “Bedeutsamkeit” und kommt vom lateinischen levare, “aufheben”. Relevant ist etwas, wenn es aufgehoben wird. Wenn wir Wissenschaftler eine Idee etc. wiederaufnehmen, dann zitieren wir. Der beste Ausdruck von Relevanz im System Wissenschaft ist also das Zitat. Ich bekomme über die Paläo-relevanten listserver mit, dass allerorten derzeit ganau das, nämlich der Inhalt von dem was Relevant sei und wie dies zu messen sei heiß diskutiert wird. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es in diesen Diskussionen darum geht, den enormen Druck relevante Wissenschaft zu leisten, der da plötzlich auftritt, intern loszuwerden.

Frank Berzbach hat nur zu sehr recht, wenn er seine Kritik des hypes um die “Gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft” damit beginnt, eben jene Relevanz in die verschiedenen Sphären unserer Gesellschaft hinunter zu dividieren. Wenn nämlich von der gesellschaftlichen Relevanz im Singular gesprochen wird, dann ist immer mehr oder weniger explizit die monetäre Relevanz gemeint. Am besten ummünzen lässt sich Wissenschaft heute nicht nur mit Patenten, sondern in populären Medien und mit exzellenten Universitäten.

Dass sich der ökonomische Wert heutzutage nicht platt ausgedrückt in der Zahl der Patente misst hat vielleicht in den letzten Jahren am besten Georg Franck mit seinem “Mentalem Kapitalismus” gezeigt. Franck sagt, dass es eine Ökonomie der Aufmerksamkeit gibt in welcher mit Aufmerksamkeit wie mit einer Ware gehandelt und spekuliert wird. Diese Ökonomie sei in unserer Massengesellschaft ebenso wichtig wie die monetäre Ökonomie.

Vielleicht ist an diesem Punkt eine Erklärung zu finden warum derzeitig die Zitationsraten unter den Wissenschaftlern derart fetischisiert werden. Wir alle wissen wie wichtig es ist wahrgenommen zu werden. In einem hier lesbaren Gepräch sagt Georg Franck:

“Happiness in future will mean to be famous once in one’s lifetime for 10 minutes.”

Einmal kurz berühmt werden…, ach das fänd’ ich auch nicht so schlecht. Die Frage ist nur: ist das der richtig Maßstab für eine Wissenschaftskultur?

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Frank Berzbach befindet “science doesn’t matter”, frei nach T.S. Elliot’s “poetry doesn’t matter.” Wenn ich dieses Paradoxon richtig verstehe, dann meint er damit, dass Wissenschaft in aller Regel im allgemeinen Sinne (im ökonomischen, politischen, gesellschaftlichen etc.) keine Relevanz hat. Es ist mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen wie mit Celans Flaschenpost (den Gedanken habe ich aus dem Georg Franck Gespräch, und als Celan-Fan muss ich das hier aufgreifen), Celan sagt, das Gedicht sei eine Flaschenpost, aufgegeben mit der Hoffnung irgendwo an Land gespült zu werden.
Die Wissenschaft lebt davon, dass es viele Wissenschaftler gibt mit vielen verschiedenen messages. Die meisten messages sind nur für ein paar Wenige interessant, wenige messages werden irgendwann einmal für ganz viele interessant, oder sind extra für viele geschrieben (review article). Zur Zeit schauen wir alle hypnotisiert auf die wenigen messages die für die Vielen interessant sind und befinden die vielen messages an die Wenigen für zu leicht. Die vielen messages die nur die Wenigen interessieren haben aber in der Summe und in ihrer Vielfalt eine gesellschaftliche Relevanz die viel größer ist als wir es ahnen (Das sage ich jetzt hier einfach mal so). In this sense science matters!

Frische Lagerstatten

Wenn die Amis “Lagerhschtatten” sagen, dann hört sich dass immer so ein wenig nach Friedhof an. Und das ist ja eigentlich gar nicht so weit hergegriffen. Für die, die es nicht Wissen: Das eingeenglischte Wort bezeichnet Fossillagerstätten und geht etymologisch auf Dolf Seilachers

Seilacher.A (1970) Begriff und Bedeutung der Fossil-Lagerstätten. N. Jb. Geol. Paläont., Mh., 1970, 34-39.

zurück. Kurz gesagt Fossillagerstätten sind Stätten an denen sich viele exzeptionell erhalten Fossilien finden. Das Wort wird inzwischen etwas inflationär benutzt, weil es Aufmerksamkeit sichert. Aber es gibt eben doch ein paar S†ä††en, die das Wort verdient haben. Orte, deren Fossilien bisher bekannte Stammbäume durcheinander wirbeln oder molekulare Uhren verstellen.

In der aktuellen Geology sind gerade zwei neue Lagerstatten beschrieben worden, die das Wort verdienen. Ich bin ja nun seit ein paar Wochen in Lille an der Uni und musste schmerzhaft feststellen, dass die hier am Institut keinen Account haben. Ich habe mir die Artikel also von den Autoren zuschicken lassen. Und weil ich das Thema spannend finde bespreche ich beide Artikel hier ganz kurz.

Beide Artikel beschreiben Fossillagerstätten aus einem Zeitraum in dem diese sonst recht selten sind, dem Ordovizium und Silur. Bekannt sind aus dem Ordovizium eigentlich nur der Soom Shale (Südafrika), der für mich besonders interessant ist, weil er eine der ältesten Caphalopodenradulae erhält, die Winneshiek Lagerstätte aus dem schönen Iowa, und aus dem Silur vielleicht besonders bekannt die Ludlow Bone-beds (UK) die das älteste erhaltene terrestrische Ökosystem dokumentieren, und die bereits hier erwähnte Herfordshire Lagerstätte , bekanntgeworden durch den ältesten fossilen Penis.

Beide Lagerstätten repräsentieren extreme marine Flachwasserhabitate auf dem alten Kontinentalschild Laurentias (heute hauptsächlich USA und Kanada). Die eine hat noch keinen Namen und besteht aus zwei verschiedenen Orten in Manitoba, Kanada. Beschrieben wird die Fauna von einem Team des Manitoba Museums in Winnipeg. (hier ist der link), die zweite nennt sich Eramosa Lagerstätte, liegt in Ontario, Kanada und wird von einem Team vom Royal Ontario Museum beschrieben (hier der link). Besonders interessant sind beide Lagerstätten, weil es dort damals tropisch war und es ziemlich anders ausgesehen haben muss, weil es ja noch keine Mangroven etc gab.
Die Manitoba Lagerstätten sind noch dazu jüngstes Ordovizium, also ein Zeitraum recht kurz vor dem Ordovizischen Massenaussterben, und bietet einen Blick in den Garten bevor der große Bulldozer darüber gefahren ist, sozusagen. Da tummeln sich fröhlich Eurypteriden, Quallen und die ältesten Pfeilschwanzkrebse (die manche vielleich vom Coney Island Beach kennen). Das Problem ist allerdings das die Fauna, eine ziemlich Spezielle ist, Organismengruppen, wie Echinoideen, die geringe Salzgehaltsschwankungen tolerierten fehlen dort, und Muscheln (Nuculiden) die eigentlich im Ordovizium eine untergeordnete Rolle gespielt haben sind recht häufig. Dieses Diagramm gibt die Häufigkeit der Faunenelemente wieder:
manitob.png
(Young et al. 2007).

Die Eramosa Lagerstätte ist mittelsilurischen Alters, also aus einer Zeit in der der Garten sich nach dem Bulldozerüberfall wieder erholt hatte. Das besondere an Euramosa ist die extreme Vielfalt der erhaltenen Organismen. Es gibt eigentlich von allem was: Fische, Arthropoden, Anneliden, Mollusken, Seegurken, Graptoliten, Brachiopoden… hier die Liste:
erimosa.png
(Bitter et al. 2007)

Und hier mal ein Bildchen eines Eramosa Lobopoden von Bitter et al. 2007:eri.png

In beiden Artikeln wird von spektakulären Stücken berichtet die aber noch nicht näher beschrieben werden. Die Autoren machen es spannend. Es ist jedoch schon einmal sehr interessant zu sehen, wie die Faunen zusammengesetzt sind. Eurypteriden scheinen ja damals in Flachwasserhabitaten wirklich allgegenwärtig gewesen zu sein, wie vielleich die heutigen Krebse. Trilobiten, die ja ansonsten im Ordovizium und Silur fast überall zu finden sind, hat es in diesem flachen Wasser hingegen nicht gegeben. Na - die Autoren werden uns hoffentlich auf dem Laufenden halten was das alles zu bedeuten hat.

Fossiler Impakt

Das ist doch mal eine gute Nachricht : “Fossils Impact as Hard as Living Taxa in Parsimony Analyses of Morphology“. Gezeigt wird das von ein paar englischen Biologen mit Hilfe des Stiefelschlaufens und Klappmesserns, besser bekannt als bootstrapping und jackknifing, beides sind statistische Resampling-Methoden die angewandt werden, wenn man gewisse statistische Eigenschaften einer unbekannten Stichprobenmenge bestimmen möchte. Bei der Rekonstruktion von Stammbäumen gibt es in der Regel jede Menge unbekannte Stichprobenmengen. Die Unbekannten sind andere, wenn man Daten der Biologen (also von heute lebenden Tieren) oder von Daten der Paläontologen (von Fossilien) benutzt.
Ich als Paläontologe bin, seit ich als Paläontologe denken, kann mit dem Vorwurf der Neontologen konfrontiert, die mir sagen: Deine morphologischen Daten sind so hoffnungslos lückenhaft und interpretationsbeladen, du kannst überhaupt nichts Grundsätzliches zur Rekonstruktion der Stammbäume beitragen, ausser vielleicht einigen Details zum Timing der Evolution. Naja, da kann man nun lange hin und her streiten und das eine Argument gegen das andere abwägen. Nun kommen ein paar Biologen daher und zeigen, dass Daten fossiler Taxa die Stammbaumrekonstruktionen in der Regel genauso stark unterstützen, wie Daten lebender Tiere. Um das paper Lesen zu können muss man wenigstens wissen was CI’s und RI’s und MPT’s sind. Die Presseerklärung der Publisher kann man auch Lesen, wenn man das nicht weiss. Daraus ist mal ein Satz hervorzuheben.

“We also show that adding just one fossil to an analysis can result in a radically different picture of that group’s evolutionary history. The trees constructed without fossils may be oversimplifications, and far from the truth.”

Interessant, dass Biologen das inzwischen auch so sehen…Warum bringe ich das hier? Derzeit laufen gerade in deutschen und in englischsprachigen email Foren Diskussionen um die Probleme der Evaluation paläontologischer Wissenschaft und eine Krise im Paläo-Funding in den USA. Gemeinsames Problem ist, dass Paläo-Stellen wild gekürzt werden und von der Streichung bedroht sind. Paläontologie ist derzeit kein heißes Fach, das Geld fliesst woanders hin. Paper wie dieses hier zeigen, das Paläo Impakt hat. Nun kann man darüber Streiten ob morphologische Stammbaumrekonstruktionen und die entsprechende Sparte der Biologie zu den gehypten Fachrichtungen gehören; sicher nicht. Aber vielleicht gibt es ja bald ein paper, das mit knackigen statistischen Methoden zeigt, dass “Morphology Impact as Hard as Molecular Data in Parsimony Analyses” etc.

Die Borsten aus Orsten sind der Top

Die diesjährige Tagung der Paläontologischen Gesellschaft fand in Freiberg statt. Für mich, gerade zurückgekommen vom Cephalopodenkongress in Japan, war das ein ziemlich großer Kontrast. Die Tagung in Japan war ein Treffen von Leuten, die alle am gleichen Thema interessiert waren und es ging dort recht heiß her, es gab viel Austausch und Diskussion. Die PalGes-Tagungen sind ganz anders. Hier geht es darum den deutschen Kollegen seine Arbeit vorzustellen. Das fällt nicht immer leicht, weil die Interessenfelder recht weit auseinander driften können. Neue Paläogene Wirbeltierfunde, kretazische Coccolitophoren aus Bohrkernen und small shelly fossils aus dem Kambrium der Türkei haben recht wenig miteinander zu tun. Die Fragestellung sind andere, reichen von stratigraphischen, palökologischen, bis hin zu taxonomischen. Mir ist aufgefallen, dass sich viele Autoren wenig Gedanken darüber machen, welcher Aspekt ihrer Arbeit für das dortige Publikum interessant sein könnte. Mir selbst geht es ähnlich, ich habe über Aspekte der ordovizischen Radiation gesprochen und dachte, dass vielleicht die generellen Diversitätsmuster, die ich bei den Cephalopoden gefunden haben Spezialisten andere Gruppen interessieren könnte. Da aber keine Zeit für eine Diskussion blieb, bin ich mir überhaupt nicht sicher ob das Thema auf Interesse stieß. Wichtig an der Tagung finde ich, dass sich hier unser Berufsstand einmal jährlicht trifft. Man sieht die Kollegen, bekommt ein Gefühl wer Paläontologie in Deutschland macht und was die aktuellen Themen der Anderen sind. Da gibt es meine persönlichen Tops und Flops.

Mein persönlicher Top war in diesem Jahr ganz klar die Arbeit von Joachim Haug und den Leuten der Ulmer C.O.R.E.-Gruppe, die seit Jahren die Orsten Fossilien erforschen. Im Schwedischen Västergotland kommte ein schwarzer Schiefer vor, der von den Bauern der Gegend ‘Schweinestein’ genannt wird, in Knollen dieses Kambrischen Gesteins kommen viele wunderbar erhaltene Embryos von überwiegend Arthropoden vor. Das Ganze ist sehr spannend, weil uns mit der Orsten Fauna ein sehr guter Einblick in die frühe Evolution der Eumetazoa gegeben wird und weil das Verständis der Lebensweise dieser Tierchen wichtig ist um die Nahrungsnetze im Kambrium zu Rekonstruieren. Joachim Haug zeigt nun in letzter Zeit auf manchen Tagungen die digitalisierten Rekonstruktionen dieser seltsamen Dinger. Diese Rekonstruktion eines einäugigen stammlinien Krebschens kann man sich auch in bewegten Bildern im Netz anschauen:


goticaris.png

Die Digitalisierungen zeigen erstaunliche Details. Das kennen wir ja schon von der Herfordshere Lagerstätte. Auch hier gibt es schöne Bildchen:

hereford.png

Die Rekonstruktionen der Ulmer, die sie mit der Software ‘Blender’, basteln wirken allerdings viel netter :-).

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